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Ein anderes Liebkind, oder vielleicht sogar sein persönlich Liebstes, ist das Projekt mit dem Namen „Paint". Nun, um „Paint" zu beschreiben brauchte es wohl Bände. Aber wenn schon an dieser Stelle der vorsichtige Versuch gemacht werden soll, dann ließe sich folgendes dazu sagen: Es scheint als wären die Ansätze zu Philadelphys Projekt „Paint" schon früher vorhanden. Man denke an den exzentrischen Komponisten John Cage, der beispielsweise dem Faktor des Zufalls und der Spontanität einen großen Raum in seinem Werk einräumte. Philadelphys Philosophie erinnert ein wenig daran: Die Musiker besprechen sich kurz über welche musikalischen „Bilder" sie kommunizieren wollen und legen dann frank und frei auf der Bühne los. Aber auch dort befindet sich alles im Fluss, denn Zurufe und Ideen aus dem Publikum werden gerne als Ideen aufgenommen und musikalisch „weitergesponnen". So gesehen ist jeder Auftritt von „Paint" wirklich einzigartig, denn was, wie Philadelphy sagt „von allen beteiligten Musikern im Augenblick des Schaffens" komponiert worden ist, beschränkt sich auf genau „jenen Moment" und ist auf diese Weise - zumindest nicht genau so -wieder reproduzierbar. Somit ist „Paint" wohl ganz offensichtlich auch eine spirituelle, etwa Zen - artige, Komponente immanent. Das bemerkenswerte daran ist vor allem, dass eben deshalb es zu beschreiben vermessen wäre, welchem Stil oder welchen Stilen die „Painter" folgen. Natürlich ist eine starke jazzige Komponente dabei, aber auch eine psychedelische, aber auch eine popige und sogar eine minimalistische und, und und... Aber wie schon bei den „Sheriff's „: Was scheren Philadelphy so Kleinlichkeiten wie irgendein Stil, wo es ihm doch immer nur um eine gute musikalische Idee geht, mit der er arbeiten will. Man könnte „Paint" aber auch als eine Art „Programmusik" verstehen. Dergestalt wird Philadelphy zu einem „musikalischen Maler" („Paint"!?), der unvorhersehbar zu einem bestimmten Thema ein „musikalisches Bild" malt. Gewiss ist ein derartiges Unterfangen kühn; dass es bei „Paint" mitunter auch „kleinere Momente" gibt, tun letztlich aber dem gelungenen Gesamtkonzept keinen Abbruch. Sowie Philadelphy schon rein äußerlich gesehen ein „Mann mit unzähligen Gesichtern" ist (darunter ist auch schon mal das „Brad Pitt - Profil,) so manifestiert sich dies auch in seiner ganzen Kunst, die aufgrund seiner Persönlichkeit ein Gesamtkunstwerk ist. Auch theatralische Moment fehlen dabei keineswegs, und mag so manches im ersten Augenblick tot-komisch, vielleicht sogar ein wenig billig wirken, so darf man sich bei diesem verschmitzten Kosmopoliten aus Tirol keines Momentes all zu sicher sein: Gekonnt spielt er mit dem Schönklang ebenso wie mit grauenvoller „Kakophonie", und man fragt sich dann schon, ob dieser scheinbar billige Gag nicht erst recht wieder ein Ausdruck davon ist, dass es Philadelphy faustdick hinter den Ohren hat, um uns auf diese Weise letztendlich in unserem Erstaunen nackend zurück zu lassen. Er macht vor nichts halt, nicht einmal vor seinen eigenen Schwächen, wie beispielsweise einem gelegentlichen Stottern. Auch derartiges wird gnadenlos in sein Kunstwerk eingebaut und erbaut so seinen Zuhörer bzw. befreit ihn selbst wohl von einiger innerer Spannung. Nun gut, so mancher kann möglicherweise noch anmerken, dass das, was Philadelphy macht - vor allem hinsichtlich „Paint" vielleicht doch schon so oder ähnlich da gewesen ist (was die Umsetzung seiner Ideen betrifft). Mag sein! - Vielleicht aber war es noch niemals so frisch, so frech, - einfach so entsetzlich wahr!? (Rihno Rhinozeros 11. 2003)

Eine Performance mit besonderem Gehalt Eine für den Hof von Schloss Brück geplante Aufführung wegen wetterbedingter Widrigkeiten im geschlossenen Rahmen der Spitalskirche so durchzuführen, dass das Flair nicht darunter leidet, ist sicher schwierig. Die „bruch.stücke" Tanz, Musik, Design zerbrachen daran nicht. Sie faszinierten. Drei Frauen tasten sich in eine Welt, die nach Freiheit riecht und nach Zwängen schmeckt. Du bist an einem Ort gepflanzt, den du dir nicht aussuchen kannst. Deine Blickfelder sind vorgegeben bis zum ersten Aufbruch, schrittweise ... und wenn es sein mag, führen die Schritte in die Enge zurück. „Lach hinaus, schrei dazu". Die Lichteffekte und die Komposition von Christian Selinger entwickeln und unterstreichen den eigenständigen Charakter der Choreographie von Julia Hechenblaikner. Dann sind es drei Figuren und drei Schranken. Eine der drei Figuren ist zum statischen Hüter der Schranken auserkoren. Die Veränderungen der Enge lösen eine nur geringfügige Wandlung des Lebensraumes aus. Können Grenzen Halt sein? Sind sich die Menschen dazwischen Halt oder Grenze? Der eigene Puls stimmt sich auf den des anderen ein und pendelt wieder aus, im spannenden Wechselspiel zur Musik der Schritte. Die Kieselsteine darunter reden mit. Sie zerreißen die in den Köpfen der Zuschauer gesponnenen Antworten. Ein Abend „Tanzsommer" erster Klasse, man bedenke, zu erleben hier in Lienz, dank der Organisation von Roswitha Selinger. Den um Martin Philadelphy versammelten Musikern von „Paint" gelingt es Schranken wegzuwünschen. Ein Wort, ein Begriff wird zum Fluss, an dessen Ufer ihre spontane Kommunikation entsteht. Wer redet da noch von musikalischem Können? Das macht das Bereitsein für Inspiration ja erst möglich. Der Dialog aus Momentaufnahmen der einzelnen Musiker, die Lautenfolge und Atembeherrschung des Stimmakrobaten Didi Bruckmayr ergeben für den Zuhörer im Gesamten eine Entdeckungsreise, die mitunter abrupt in einem „Aus" enden kann.(Lilly Papsch, Lienzer Tageszeitung 2004)
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PAINT-REALITYMUSIC Charles Mingus meinte dereinst, dass die Größe des Jazz darin liege, dass er eine Kunst des Moments sei. Seit dieser Aussage sind einige Jahrzehnte vergangen und mit ihnen etliche der Großen; haben Platz gemacht für neue und noch frischere Ideen, die den Keim von Mingus, Miles und all den anderen in sich trugen und nun aufblühen! Der Innsbrucker Musiker Martin Philadelphy ist anscheinend einer, der im Geiste der „Alten" auszog das Staunen zu lernen und andere zum Staunen zu bringen. So begab er sich u.a. nach New York, wo er mit der dortigen Freejazz -Gemeinde in Kontakt kam. Ereignisse, die offenbar bleibende Spuren hinterließen. Denn eingedenk der Mingus'schen Aussage von der Spontanität des Jazz als eine seiner größten Stärken, hat mph die Idee weiter gesponnen und beschloss, sich völlig der spontan entstehenden Schönheit, aber auch Überraschung der Kompositionen im Augenblick des Schaffens hinzugeben. Dies war dann auch die Geburtsstunde von „Paint", Philadeiphys künstlerischem „Kind", dem zu huldigen, sich mittlerweile auch weltbekannte Größen wie z.B. Marc Ribot eingefunden haben. Diese „Augenblicksgenesis" ist ja offenbar auch in anderen Bereichen das Menschen höchst modern : Scheint es doch den Menschen unserer Zeit ein Anliegen zu sein, sich wieder ganz ohne „Schminke", ohne doppelten Boden, als „Trapezkünstler ohne Netz" zu präsentieren. Die so entstandenen musikalischen Kompositionen beinhalten wohl selbstverständlich viel von der gesamten musikalischen Laufbahn und Geschichte aller beteiligten Musiker. Gleichzeitig aber auch bringen sich die Künstler im besten Fall selbstlos und gleichmäßig in den Schaffensprozess ein, und versetzen so diese jazzige Mischung nachhaltig auch mit anderen zum Teil experimentellen Einfüllen ein Faktum, das die Musik von Paint herausführt aus den auch wiederum relativ engen und vielleicht auch bisweilen beengenden Grenzen des Jazz. "cheap " der Opener ist wohl ganz nach Philadelphys Geschmack geraten, sich von nichts und niemandem vereinnehmen zu lassen. Man ist dabei aber auch durchaus offen für alles, auch moderne, wie z.B. elektronische Einflüsse in der Musik, wobei Philadelphy die von Christian Martinek gut und intelligent in Szene gesetzte Elektronik bloß als Startrampe verwendet, um so auf die Schnelle, dabei aber doch ganz smooth einem Astronauten gleich ins Weltall zu „entfliehen". „dohlen im wind": Hierbei machen die „Painter" ihrem Namen alle Ehre. Eine ganz zartmelancholische Nummer, die dem Hörer mögliche Szene vors geistige Auge führt: Herbstlich, winterliches Ufer irgendwo am Meer, grauer, bedeckter Himmel und eben Vögel, die ruhig ihre Kreise ziehen und dabei die Melancholie in reine Ruhe verwandeln. In der „discokugel" deuten schon die ersten Takte an, was uns erwartet: Die charakteristischen „Signaltöne" des „Casio- Pops" von Trio, mittlerweile ein Klassiker, geben die Richtung vor. Als sich im Lauf dieser Nummer dann auch noch Anspielungen an Daff Punk's „Around tha World" hinzugesellen, gibt es für Philadelphy & Co. kein Halten mehr und . So lassen sich alle in bester Weise gehen. Die eigene Melodie verbindet sich anscheinend ganz natürlich und zwanglos mit den zuvor erwähnten Dance - Klassikern und braucht mögliche Vergleiche in diese Richtung keinesfalls zu scheuen. Man passt sich gekonnt der herrlichen Primitivität endloser Loops an, man lässt sich treiben von Rhythmen billigster Drumcomputer und mph wäre nicht jener „geniale Narr" hätte er nicht noch einen drauf zu setzen: Disco - Gitarrensoli; die jeglichen Staub und Mottenfraß, die sich auf Plateaustiefeln und auf schreiend-farbener Acrylwäsche gebildet haben, ein für alle mal wegpusten. Nach soviel Schabernack lässt man dann mit „peter pan" doch etwas nachdenklichere aber gleichzeitig auch schrägere Töne anklingen, „peter pan" ist eine der Nummern, die sich einem vielleicht nicht auf Anhieb erschließen, dann aber wenn man es einmal „hat" -eine Schönheit entfalten kann, die nahezu kein Ablaufdatum kennt: Verquerte Rhythmen, ein Bass, der fast schon mehr Melodielinie vorgibt, denn begleitet und noch vieles mehr, bis schließlich die letzten Töne „auseinandersternen" und ein glitzerndes, funkelndes „pat and anne" preisgeben. Es ist eines der Masterpieces des Albums, ein Stück Jazz reinsten Wassers, wobei der akkustische Bass von Georg Breinschmid, das ohnehin schon grandiose Stück Musik, zu einer noch fabelhafteren Jazznummer macht. Aber das genügt Paint noch lange nicht, und sie lassen es in „mehreren Sätzen" und verschiedenen Tempi fast schon symphonisch ausarten. Verdammt gut! Der „sparefroh" holt den Hörer wiederum aus seiner wohlklingenden "Jazzseligkeit" und schließt in gewisser Hinsicht den Kreis, der mit „peter pan" begonnen wurde. Nachdem es sich mit dem „sparefroh" „ausgeklingelt" hat, setzen die Painter wie von Furien getrieben zum nächsten Peak an, nur um kurz inne zu halten und doch wieder weiter zu machen („Stop and go") - wenn dann auch in etwas gemäßigterem Tempo, zumal man ja schon zuvor die Getriebenheit losgeworden ist. Nachdem man sich von sämtlichen Verspannungen mittels „Geschwindigkeitstherapie'" am Anfang der Nummer befreit hat, erfreuen sich nun Geist und Seele neuer Freude und guten Mutes und sind auf diese Weise wohlgerüstet, um unendlich locker zu swingen. Die letzten Takte sind mit Worten kaum mehr zu beschreiben und deswegen will ich es an dieser Stelle mit Wittgenstein halten „worüber man nicht reden kann, darüber soll man schweigen!" - oder noch besser schweigend genießen! in dieser dermaßen entspannten Atmosphäre nimmt es nicht weiter wunder, wenn Paint jetzt quasi als „New Orleans - Jazzband" sehr „brassig" durch die Straßen ziehen, („tres peaks") Aber wo sind denn nur die typischen New - Orleans - Bläser?! Sie sind ja da, man hört sie doch , auch wenn sie nicht als Bläser auftreten! Nicht ganz so geschmeidig mehr wie die beiden Nummern zuvor, sondern etwas spröder im Gestus, dafür aber sehr vielschichtig, präsentiert sich „gummibärchen" , das auch eine nette Geschichte dazu, sein Eigen nennt: Bei einem Konzert nämlich brachte ein kleines Kind den Musikern Gummibärchen auf die Bühne und die Musiker ihrerseits schenkten dem Kind und uns darauf hin diese Nummer. Philadelphy wäre nicht der Schalk, als den wir ihn kennen, wenn er sich nicht noch zum Abschluss sozusagen, mit seiner vorletzten Nummer („modsart") einen Scherz erlauben dürfte. Also dieses „modsart" hat wirklich nicht „gewaltig viele Noten", sondern erweist sich als ein eher schlichter Einfall, vielleicht der einzige „Füller" auf dieser Aufnahme. Man darf „modsart" aber wiederum zugute halten, dass es sich aberzuguterletzt immerhin noch zu einer wilden Apotheose des an sich bescheidenen Themas abtschließt und so einen schönen Übergang zum unnachahmlichen „masterpice" bildet. So gesehen erfüllt „modsart" auch den Zweck als Moment des letzten Innehaltens, als Ruhe vor dem Sturm. Mit ihrem „masterpice" steigern sich Paint in einen orgiastischen Spielrausch, bei dem der absolute Höhepunkt immer wieder hinausgezögert wird, dafür dann aber umso stärker kommt! Der Zuhörer erhält noch als Draufgabe ein typisches Philadelphy'sches Lachen: Zwischen Selig-beglückt und völlig irre! Erst jetzt wird der Hörer entlassen und seiner selbst überlassen. Trotz all ihrer unbestrittenen Fähigkeiten - wohl nicht mehr sind, aber auch nicht weniger als bloß ein „Gefäß" in den magische Momente in all ihrer Schönheit aufgefangen werden. Kann aber nicht gerade das Wissen um die Vergänglichkeit bzw. Einmaligkeit des Augenblicks eben jeden schönen Moment im Leben umso mehr bereichern?! -RIHN'O RHINOZEROS (2004) -
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