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404 – Der Fehler im System

Wer kennt nicht folgendes Szenarium: Nachdem man endlich die scheinbar aussagekräftigste Website ergoogelt hat, öffnet man diese in heller Vorfreude. Doch dann erscheint auf dem Bildschirm groß und mächtig die Fehlermeldung „404“. Diese  Meldung im Internet bedeutet, dass die gewünschte und erhoffte Seite nicht auffindbar ist und die Suche wiederum von vorne beginnt.
Leere Bühne
Und genau mit dieser Fehlermeldung im weiteren Sinn beschäftigt sich der Wiener Choreograf Willi Dorner in seinem Auftragswerk „404“ für die britische Kompanie SDT, das Freitagabend im Tanzquartier Wien seine Uraufführung feierte. Auf einer leeren Bühne inszeniert Dorner ein gesellschaftskritisches, oft brutales Tanzwerk mit sieben Tänzern, begleitet von einem virtuosen E-Gitarren-Musiker Martin Philadelphy.
Reißen und Zerren
Die Komposition von Heinz Ditsch ist ein perfektes Zusammenspiel von E-Gitarren-Sound und eingespielter Filmmusik wie etwa dem Walkürenritt von Wagner aus dem Film „Apocalypse Now“. Ditsch drückt damit genau jene Gewalt und Aggression aus, die auch Dorner mit seinen Tänzern vermittelt.
Die Choreografie besteht aus einem ständigen Ringen, Kämpfen, Reißen und Zerren. Dorner lässt spielerisch die Körper aneinander treffen, um sich wegzustoßen und fallen zu lassen.
Es erweckt den Anschein eines ständig missglückenden Kommunikationsversuchs, der aber immer wieder in neuen Varianten gestartet wird.
Die Performer leisten dabei harte Arbeit, das Ensemble zeigt Teamwork. Dorner gelang ein erbarmungsloses Tanzevent, das einem energiegeladenen Kampfplatz gleicht.
WIENER ZEITUNG/ Premiere 20. Jänner 2006/ Tanzquartier Wien
Kritik von Verena Franke am 24.01.2006

Die Sehnsucht der Generation Internet

Willi Dorner sinniert in „404“ über fehlerhafte Verbindungen.
Martin Philadelphy mag seine Gitarre. Auch wenn er sie schlägt. Dann dröhnt der Elektro-Sound durch die Halle G, als wollte er die sieben Tänzer dazu bringen, einander endlich ihre Zuneigung (oder deren Ende) zu gestehen. Nichts da. Kaum kommt es zur Verbrüder-/Verschwesterung, verstummt der coole Sound und Wagners Walküren donnern über das Beziehungsschlachtfeld. „404“ ist eine Computer-Fehlermeldung – und für Choreograf Willi Dorner Symbol für die Unzulänglichkeit der Generation Internet bei Kontaktaufnahme und Beziehungspflege.
Er lässt drei Männer und vier Frauen aufeinander los und sich ineinander verkeilen. Doch kaum entsteht ein Knäuel aus Körpern, beginnt der Gitarist sein Instrument mit sanftem Druck zu würgen. Es knistert leise. Wie ein Schwelbrand in der Computer-Leitung ist der Zusammenbruch von Intimität und Zuneigung, sind Verzweiflung und de Tod als permanente Bedrohung präsent. Die Decke des zur Schau gestellten Selbstbewusstseins ist dünn. Darunter lauern Kälte und Brutalität. Menschen werden benutzt, herumgestoßen, fast erdrückt. Sogar die Umarmung wird zur Bedrohung. Liebe? Error!
Die Presse/ Premiere 20. Jänner 2006/ Tanzquartier Wien
Kritik von Isabella Wallnöfer am 23.01.2006

The longing of generation internet
Willi Dorner ponders in „404“ about incorrect connections.
Martin Philadelphy likes his guitar. Even when he is hitting it. Then the electro sound begins to drone through hall G as if he wants to force the seven dancers to finally acknowlidge how their true feelings for each other are. No way. Right when the forming of brother- and sisterhood starts, the cool sound stops and Wagners Valkyries fulminates through the relationship battlefield. “404” is a computer failure message – and for choreographer Willi Dorner it is a symbol for the deficiencies of the internet generation, when it comes to forming social contact or taking care of relationships.
He unleashes three men and four women on to the stage to collide and to link to each other. But just when a pile of bodies is created, the guitar player starts to choke his instrument with soft pressure. A weak crackle. The breakdown of intimacy and sympathie is similar to the burning of a computer wire, despair and death are a permanent threat. The veneer of the flaunted self-confidence is thin. Beneath it lurk coldness and brutality. People are used, pushed, almost crushed. Even an embrace can be a threat. Love? Error!
Critic of Isabella Wallnöfer on the 23rd of January 2006

Gebremste Aggressionen
Die Cie. Willi Dorner zu Gast im Tanzquartier 404, Tanzquartier Wien, 20.01.2006.
Sieben Tänzerinnen im leeren Raum. Sie sind über die Treppen der Zuschauertribüne herunter gekommen, der Gitarrist (Martin Philadelphy) hat sie mit Vornamen genannt. Vier Frauen (Chloe Attou, Karmit Burian, Heide Kinzelhofer, Holly Warren), drei Männer Qarek Cemerek, Martin Dewez, David Zagari) stehen, schauen, umkreisen einander, rempeln, schubsen, wechseln die Partnerin, den Partner, verknoten sich ineinander, sitzen am Rand und schauen einem Zweikampf zu, liegen entspannt übereinander, raffen sich wieder auf, um neuerlich Kontakt zu suchen, locken mit deutlichem Augenspiel, stoßen ab mit Armen und Beinen. Doch nicht heftig genug, um ernst genommen zu werden. Die Bewegungen bleiben in der Choreografie stecken, nett anzusehen, der Blutdruck steigt nicht. Spannend wird es, wenn sich im Duo oder Trio die Gliedmaßen verwirren, wenn drei (zwei) Körper zu einem verschmelzen. Wem gehört das Bein? Ein Rätselspiel, gehemmt und geregelt, mit kaltem Blut geformt. Als Lösung kann ich mir alles (Mögliche) denken oder auch nichts. Manchmal ist es dunkel, manchmal ist die Bühne hell erleuchtet, doch Philadelphy gibt nicht auf; die Komposition von Heinz Ditsch, aufgepeppt mit Walkürenritt und Filmmusikdramatik samt Hubschraubergeräusch, ist nie endend, wie auch die Bewegungen der sieben Körper. Philadelphy schlägt heftig in die Saiten, die Körper knäueln sich ineinander: Anziehung und Abstossung eine Endlosschleife. Die Musik findet keine Verbindung zu den Körpern, die Körper haben nichts mit Gitarrenklängen und Samplerrauschen zu tun. Die Aggression, wenn die Verschlingungen und Abstoßungen der Körper denn eine darstellen soll, bleibt im formal Ästhetischen stecken, bricht nicht wirklich aus, findet weder Höhepunkt noch Erlösung. Brav verlassen die Sieben die Bühne, der Gitarrist bleibt noch ein wenig, lässt seinen letzten Ton elektronisch verstärkt im Raum schweben. Dann gibt auch er auf. „404* der Titel soll an die Error-Seite im Internet erinnern, der Fehlercode bedeutet „dass die gewünschte Seite nicht auffindbar und keine Verbindung möglich ist". Vielleicht ist es das: Keine Verbindung möglich. Auch nicht zwischen den bewegten Körpern auf der Bühne und den bewegungslosen im Zuschauerraum. (Ditta Rudle, tanz.at 23.01.2006)

Tanzquartier Wien: Willi Dorner - 404
At last, in Vienna, this year, some exciting dance. The idea is simple enough. A guitar player sits at the front of the state on the right band side and strums lightly when we come in. At the begining of the piece seven dancers come in, four women and three men. They are all wearing street clothes or some version thereof. Jeans and t-shirts or simple dress shirts. For some reason the colour gamut is very 1970's. Lots of browns, greens, oranges and purple. The guitarist introduces them quickly in order, äs they make a staggered line across the stage. One of the men Stands still facing the audience. A blonde woman wraps one arm around his neck. He tries to break free. She holds him, äs he moves harder ever more desparate to rid himself of his bürden äs she is ever more desparate to ehrten him to her. Gradually the music build and the other dancers join in what seems a spontaneous exploration of relationships. Sometimes, two women dance, sometimes two women and one man, sometimes two men and one woman. The movement is sharp and energetic, with inventive holds and falls. After about twenty minutes, a martial soundtrack theme (Star Wars) rises while the guitar plays on. All of the dancers fall down dead. Breaking glass and screaming. Contorted hands. Two women wrestle painfully, pushing one another into the floor. Again this a synthetic film theme (think Top Gun/Star Wars) rises over the guitar, even stronger. Movement is every more violent. The dancers move into turbulent threesomes. Three women and three men. Holding and falling in the musical crescendo. Silence. Stillness. We are at one half-hour now. The emotional peak was powerful and complete. A natural end to the piece. Our emotions are wrang out now. The rest of the performance seems more a post-script than anything eise. We have leisure to wonder about the return of the 70's aesthetic (wasn't it bad enough the first time), to enjoy the delicate slice of hip offered by the low slung pants of the blonde, to observe the mix and match couples dance. None of it however has the intensity and purpose of the first half of the performance. The high point of part two is the musical performance of Martin Philadelphy on guitar. None of the mumbling that the small scrufry bearded Philadelphy has done to this point hints at the voice he reveals in a rieh REM-like ballad. The words are something about the scent of someone's skin. Shortly thereafter the guitarist manages to create an awfiil melodic racket (think of Neil Young and Crazy Horse) by himself. All the dancers are gone now. A final chord of the guitar. The guitarist leaves through the audience. Stage of life empty. The feedback buzzes on. The audience brought the performers back for three curtain caUs. Willi Dorner in 404 has clearly demonstrated for all who would care to see that the conceptual need not be static, that there is scant excuse to waste dancers in non-movement. The performances were energetic but precise, the movement violent but controlled. While there was no clear story, one could imagine many stories to each of the phrases of dance. In the program notes, Willi Dorner refers to the theme in these terms: 404 - not found (web chat slang/http://error message) - having notclue an inability to connect It is a joy to see dance which brings pleasure to its participants and to the audience again.
Happily enough next weck is the Gervasi Company. The Tanzquartier is spoiling us in the New Year.
(unknow somewhere in the net feb. 2006)