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Selbst das freie Land der Avantgarde hat hierzulande streng gezogene und stark bewachte Grenzen. Als Martin Philadelphy und fünf weitere Gitarristen das Klagenfurter Cafe im Künstlerhaus - ein eigentlich traditioneller Ort der Grenzüberschreitung - beehrte, gab es als Belohnung zwei Jahre Spielverbot. Was war geschehen? Eine Gitarren-Unwetterfront hatte sich über der kleinen Insel künstlerischer Seligkeit ausgebreitet, »so was könnt ihr hier in Kärnten nicht machen«, soll der - durchaus durch seine musikalische Offenheit bekannte -Besitzer gesagt haben. »Paint« lautet der nome de guerre von Philadel-phys Dauerprojekt, das immer Neues zu bieten hat - hier wechseln die Musiker wie auch die Marschrichtung von Album zu Album, von Tour zu Tour. Jüngste Entwicklung ist eine Gitarrenarmada, die nicht einfach mit ihren Instrumenten auftaucht.
Auf dem Album »6to6 String Dezibel« ist der Name Konzept, jeder der sechs Musiker hat seine Gitarre mit sechs Saiten derselben Tonhöhe bestückt. Und damit das Konzept einer gewöhnlichen Gitarrenstimmung nicht ganz verloren geht, ist jeder der Musiker für eine Saite der normalen Gitarrenstimmung - also E, A, D, G, H und das höhere El - verantwortlich. Klingt kompliziert, ist aber überzeugend, führt man sich den Tonträger zu Gemüte.
Denn die darauf vertretenen Herren verstehen ihr Handwerk überdurchschnittlich gut. Mit von der Partie sind, jeweils nach ihrer Saite geordnet: Martin Siewert und Emanuel Preuschl (beide E), Burkhard Stangl und Daniel Pabst (A), Karl Ritter und Philadelphy selbst (D), Christof Dienz und Christoph Janka (G), Didier Hampl und Claudius Jelinek (H) und Peter Rom (El). Aufgenommen wurde das Album im vergangenen Jahr bei den Klangspuren in Schwaz, im Wiener Porgy & Bess und im Cafe im Künstlerhaus, wo eben jetzt: Auftrittsverbot! Aber auch in Schwaz soll die Gitarrenattacke das Publikum gespalten haben. Vom fluchtartigen Verlassen des Konzertes bis zu endlosen Zugabeforderungen war alles da. »Leute aus dem Publikum haben mir erzählt, dass sie nur ein Bier getrunken, aber sich wie von anderen Substanzen beeinflusst gefühlt hätten«, erzählt Philadelphy. »Vielleicht macht das die Frequenz«, so seine Theorie.
Die Idee zu der für manchen Veranstalter furchteinflößenden Gitarrenarmee hatte ein befreundeter Computerfreak Philadelphys. Und bereits 1992 hatte Didier Hampl, der ebenfalls auf »6to6 String Dezibel« vertreten ist, etwas Ähnliches ausprobiert. Gefunden hatten sich die Mitmusiker schnell, übermäßig viel Überzeugungsarbeit brauchte nicht geleistet werden, die Gitarren-Community funktioniert. Die Kompositionen stammen alle von Philadelphy, der dafür lediglich seine akustische Gitarre in die Hand nahm, die Arrangements sind ebenfalls von ihm.
Und der Sound? Schwer in Worte zu fassen, doch trotz der Intensität und Wucht tut sich da einiges Filigranes im Klangkosmos von »Paint« auf, Erinnerungen an Art-Rock Zeiten und Protagonisten wie King Crimson werden wach. Doch auch ein ironisches Zwinkern von Albert Ayler kann man ausmachen. Unterm Strich verwehrt sich »6to6 String Dezibel« aber jedem Vergleich.
Aber was macht Martin Philadelphy, wenn er gerade nicht Konzertveranstalter das Fürchten lehrt? Er widmet sich u.a. seinem, wie er selbst sagt, »Pop-Projekt«. Dies hat den simplen Namen »Philadelphy - Martinek« und ist in den USA recht erfolgreich. Nur hierzulande mahlen die Mühlen des Indepen-dent-Airplays etwas langsamer, immerhin \vurde jetzt »gotv« auf die Musik aufmerksam. Dass Philadelphy, der Gitarre und Stimme beisteuert, und der Elektroakustiker und Dl Christian Martinek in der New Yorker Szene »total erfolgreich« sind, beweist auch das New Yorker Magazin »Village Voice«, das das neue Album »zuhaus//hörne« im Mai zu den 10 besten CDs wählte. Wie schon ein Jahr zuvor die CDs »Beautyfool« and »Philadelphys Paint«.
Ein weitere Erfolgsindikator: Die »Downtownmusicgallery.«, wo man im Rahmen eines Konzerts 58 CDs auch zum Kaufangeboten hatte. Die waren ruck zuck ausverkauft. Es hätten mehr sein können. Aber man lernt ja nie aus. Die Bestätigung, auf dem richtigen Weg zu sein, kam für Philadelphy auch noch von anderer Seite: Marc Ribot bescheinigte dem jungen Gi:arri5ten -good conversation« auf seinem Instrument.
Dass Philadelphy auch mit der Kamera gut kommunizieren kann, beweist »Grauzone«. Im der mehrfach preisgekrönten Kurzfilm von Karl Bret-schneider und Christian Haake aus dem Jahr 2003 spielt der vielseitige Saitenkünstler die heikle Rolle eines geistig behinderten Menschen. So glaubwürdig, dass eine Rezension neben dem Regie-Talent Bretschneiders auch noch dessen Talent im Umgang mit geistig Beeinträchtigten pries. Das bringt Philadelphy noch immer zum Schmunzeln, ehrt ihn aber auch. Lebenserfahrung konnte er nämlich einige sammeln.
Der in einem »unbekannten Jahr« in den Tiroler Bergen geborene junge Mann war Pizza-Koch, Eisenbieger, Altenpfleger, Klavierbauer, Bergführer, Schlosser und sogar Almwirt, dann Krankenpfleger in einer Klinik. Seine ersten musikalischen Sporen sammelte er als Straßenmusiker in Italien. Damals benutzte er außerdem noch exzessiv seine Stimmbänder, Billy Joel und Elton John hießen damals - wie auch heute noch - seine Vorbilder. Das mit dem Gesang kommt nach einer längeren Schaffenspause wieder: »Ich habe damals das Selbstbewusstsein verloren und gar nichts mehr gesungen«, erzählt er. In Österreich sei es nämlich das Schwierigste, »nicht zum frustrierten grantigen Schimpfmusiker« zu werden.
Dazu lässt sich der »Workaholic«, so die Eigendefinition, aber eh keine Zeit. Ein weiteres Projekt wird etwa die Vertonung von Werken des Lyrikers Robert Gernhardt sein. Wer den Witz des ehemaligen »Titanic«-Zeichners kennt, kann sich Philadelphys Musik nur allzu gut dazu vorstellen. Und Auftrittsverbot wird es hoffentlich dann keines mehr geben. (Jazzzeit, Juli 2006, Christian Schwei)
Progmonster jazz / ovni inclassable > Improvisation 6to6 String Dezibel est un des nombreux projets du guitariste autrichien Martin Philadelphy. II se fait que Daniel Pabst, et ses comperes de Trafo, y participent egalement. Cet album peut etre considere comme le manifeste de deux formules que le guitariste tente aujourd'hui de faire coexister; tout d'abord, Paint, groupe ä geometrie variable - qui donne egalement son nom ä l'album - et espace privilegie pour l'improvisation ä dix guitares ou plus. Un nombre incalculable de guitaristes y a sejourne, y compris Marc Ribot... Ensuite, 6to6 String Dezibel, bien sür.qui est quant ä lui tourne uniquement vers la composition. Bref, les premiers se plient ä la discipline du second, et le second n'existerait pas sans l'intervention des premiers, de quoi rejouir tout le monde... Concretement, la difference est flagrante entre les titres soumis par Philadelphy d'une part, aux sonorites jazz fusion, et Pecriture spontanee de rensemble, forcement plus chaotiques, meme si des espaces sont clairement amenages pour que 6to6 String Dezibel puisse contrarier Paint ("Rockfour"). L'originalite du projet partage avec les travaux de Glenn Branca et Rhys Chatham le refus de se plier aux conventions, et cela passe necessairement par le developpement de son propre langage ; Martin Philadelphy utilise six cordes de mi qu'il accorde sur cette meme note, alors que les autres guitaristes appliquent ce meme principe mais sur des notes differentes (le re, le sol et le la). La palette sonore est donc inhabituelle, riche, dense, pleines d'accrocs volontaires et d'etrangete assumee. Un jazz abstrait aux nuances subtiles, (samedi 9 decembre 2006).
6TO6 STRING DEZIBEL - Paint 6to6 String Dezibel is one the numerous projects of austrian guitarist Martin Philadelphy. Daniel Pabst, and his mates from Trafo, are participating. This album could be considered as the manifeste from two formulas the guitarist is trying to make coexist nowadays ; first, there is Paint, a band with no fixed line up - and which gives its title to the album - a privileged space for Improvisation with ten guitars or more. A great number of guitarists has already played in it, Marc Ribot as well... Then, 6to6 String Dezibel, of course, which is mostly focused on composition. In short, the first ones submit themselves to the discipline that characterize the second, while the second certainly wouldn't be alive without the first's Intervention, so everybody should be pleased... In concrete terms, there is an obvious difference between the jazz fusion sounding tracks wrote by Philadelphy and the spontaneous compositions from the ensemble, for more chaotic as expected, even if they managed to spare some room to let 6to6 String Dezibel tickle Paint ("Rockfour"). The singularity of this project shares the same refusal approach towards the conventions with the works of Glenn Branca and Rhys Chatham. That leads necessarily to create their own language ; Martin Philadelphy Stretches 6 equal e strings which he tunes to e, while other guitarists do the same with different notes (on d, g and e). The sonic palette is therefore unusual, rich, dense, full of intentional hitches and assumed strangeness. Some sort of abstract jazz with subtile shades. (French Online Magazin “Guts of Darkness” (Domenico Solazzo)
Martin Philadelphys »6to6 Strina Dezibel« In Austria, there's a huge guitar. Das Improvisationsprojekt Paint des rastlosen Tiroler Gitarrenchamäleons Martin Philadelphy besteht hier aus sechs Gitarren, jede mit allen Saiten auf jeweils eine einzige Tonhöhe der klassischen Gitarrenstimmung gestimmt (d.h. eine ist bespannt mit sechs tiefen E-Saiten, die nächste nur A etc.), dazu Schlagzeug. Das illustre Line-up mit Karl Ritter, Burkhard Stangl, Martin Stewert, Christoph Dienz u.a. weckt zusätzlich Interesse. Das Ergebnis ist erwartungsgemäß mächtig; mächtig abgespaced. Eine so noch nicht gehörte Gitarrenwand, die jede Bombastmetalband erbleichen ließe. Doch zum Glück wird hier keine sture Konzeptreiterei betrieben, die pure Lust am Spielen dominiert offensichtlich. Und Titel wie »Eine Alte Dame Geht Heute Ein« lassen schon erahnen, dass es hier nicht mit dem üblichen Bierernst zugeht. Da klingelt's, röhrt's und brotzelt's -John Zorn hätte seine Freude. Doch trotz der Klangvielfalt klingt das Ensemble sowohl in den komponierten als auch in den freien Stücken erstaunlich homogen, und in all dem Wahnsinn ist immer eine Tendenz zu Groove und Melodie, mithin zum Song, erkennbar. Eigentlich also einer sehr großen Gitarre. Scug, Juli 2007, Stephan Sperlich
MARTIN PHILADELPHY'S PAINT - 6to6 String Dezibel (Delphy 15/ Extrapatte 595; EEC) [ltd time price, normally $17] This disc features eleven guitarist including Martin Siewert, Burkhard Stangl and Martin Philadelphy plus Lukas Ligeti & Jorg Hollwarth on drums. The only players I recognize are Siewert & Stangl who have worked with Efzeg and Trapist. The concept here is that the first guitarist uses six E strings tuned to an E, the next guitarist uses six A strings tuned to an A and so on. Thus the eleven guitarists create an extra-large guitar sound when playing together. The orchestral sound of the numerous guitars does sound like it comes from the Glenn Branca or Rhys Chatham school, without the overly loud cacophony that those composers strive for. On each piece Martin layers the guitars in different ways or combinations. The guitars play mutant harmonies which are often fascinating but occasionally unsettling. It sounds like we are listening to rock music from other planets with harmonies that are not quite right. - BLG
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